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Elly Valk-Verheijens Farbarbeit rechnen und schreiben hebt sich durch ihre intensive Farbigkeit aus dem Umfeld heraus. Auf der weißen Wand des Ausstellungsraumes erscheinen die Farbstreifen als signifikante künstlerische Setzung. Was man zunächst für ein freies Spiel der Farben oder das Ergebnis eines aleatorischen Verfahrens halten könnte, verdankt sich allerdings einem stringenten technischen Verfahren. Zunächst wir mit einer Digitalkamera ein Foto der leeren, weißen Wand aufgenommen und anschließend am Computer weiter bearbeitet. Hierbei wird das Bild aufgezoomt und zugleich die Farbsättigung bis zum Maximum erhöht. Das Ergebnis ist einerseits eine sichtlich grob gerasterte Pixelstruktur und zum anderen das Hervortreten intensiver Buntfarben aus der ursprünglich weißen Fläche, beides Merkmale, die das Erscheinungsbild der Wandarbeiten Valk-Verheijens maßgeblich bestimmen.

Die am Computer gewonnenen Farbstrukturen werden nun in einem nächsten Arbeitsschritt vom Bildschirm wiederum auf die ursprüngliche Wand übertragen, sei es direkt als Wandmalerei oder als Malerei auf Leinwand/Spachtelmasse bzw. Folie, die an entsprechenden Stellen appliziert werden. Elly Valk-Verheijens Wandarbeiten ließen sich somit als ein künstlerischer Prozess der Sichtbarmachung begreifen, der latente, im Weiß der Wand angelegte Farbnuancen mit dem computergestützten Verfahren zu Tage fördert und im Medium der Malerei wiederum an Ort und Stelle in Erscheinung treten lässt. Vielleicht ließe sich hier von einer Art künstlerisch umgedeuteter „augmented reality“ sprechen, die nicht auf das Bildschirmbild beschränkt bleibt, sondern in die materielle Welt zurückgespiegelt wird.

Sichtbare Wirklichkeit, subkutane Farbwelten und computergenerierte Sichtbarkeiten überlagern sich in den Wandarbeiten Elly Valk-Verheijens in einem nicht auflösbaren Verhältnis. Dabei bezieht die Künstlerin bewusst auch die Unwägbarkeiten und Unvorhersehbarkeiten des gewählten Verfahrens in ihr Konzept mit ein. So bleibt offen, in welchem Maße der Computer die aufgenommenen Werte lediglich verstärkt oder auch eigene (Farb)Effekte generiert. Die Rolle des Computers ist hier nicht die des bedingungslos und exact arbeitenden Rechners, sondern vielmehr die eines äußeren Faktors, einer Blackbox, deren innere Vorgänge und Operationen und damit dessen Einfluss auf das Ergebnis sich unserem Nachvollzug entziehen.

Auch denkt Valk-Verheijen die Einmaligkeit des künstlerischen Ergebnisses in ihrem Ansatz mit. Bereits das Foto, das den Ausgangspunkt ihres Verfahrens bildet, steht dafür ein. Es ist das Ergebnis eines einzigen, nicht wiederholbaren Augenblicks. Es erfasst die in diesem Moment herrschenden Lichtverhältnisse, den spezifischen Lichteinfall und Schattenwurf auf die Wand, das Verhältnis von Tageslicht und Kunstlicht. Jedes andere Foto würde zu anderen Endergebnissen führen. Zudem bleiben die Wandarbeiten auf bestimmte Bereiche der Wand beschränkt. Sie zeigen stets nur einen begrenzten und momenthaften Ausschnitt, offenbaren jeweils nur ein Bild von vielen, die möglich wären.

Reinhard Buskies

wand boden raum, Atelierhaus Recklinghausen, 2018

Während Fotografen und Drucker bei der Reproduktion von Kunstwerken oft Mühe haben, die weiße Wand so neutral wie möglich abzubilden, macht sich Elly Valk-Verheijen eben diese Schwierigkeit für ihre Bildinstallationen zu Nutze. Ohne Filter, Blitz und Weißabgleich fotografiert sie die Wände ihrer späteren Eingriffe bei Kunstlicht, um dann die digitalen Aufnahmen am Computer so in ihrer Auflösung zu verkleinern, dass extreme Rasterungen entstehen. Danach werden ausgewählte Stellen markiert und in der Farbsättigung gesteigert, wodurch sich geometrische Pixelstrukturen aus reinen Farben ergeben. Hieraus wählt die Künstlerin bestimmte Ausschnitte, die sie in eine ortsbezogene Malerei aus Acryl und Lack auf Spachtelmasse übersetzt und im Verhältnis 1: 1 an der ursprünglichen Stelle auf der Wand anbringt. Gemäß dieser Strategie hat sie für ihre Dortmunder Installation »Westwall« - das Museum liegt am Ostwall, aber die von ihr gewählte Situation ist nach Westen ausgerichtet - eine Vielzahl kleiner, konstruktiver Kompositionen geschaffen und über die Wandfläche verteilt. Was auf den ersten Blick wie eine Ansammlung von Einzelwerken gleicher Größe anmutet, erweist sich tatsächlich als fragmentiertes Gesamtbild, das sich der besonderen Herleitung im Dialog fotografischer und malerischer Mittel verdankt. Anders gesagt: Das für die Malerei entscheidende Verhältnis von Licht und Farbe wird hier weder erfunden noch imitiert, sondern erweist sich als real im Zuge bildtechnischer Sichtbarmachung. Folglich geht es auch nicht um eine Nobilitierung digitaler Bildverfahren, wenn am Ende dieses mehrstufigen Prozesses Malerei als Ergebnis steht. Denn vielmehr sind es zu allererst malerische Fragestellungen in Bezug auf den Raum, von denen die Künstlerin bei ihren Bildinstallationen ausgeht.

Stefan Rasche  11:1 Heimvorteil, Museum am Ostwall - Dortmund, 2009

Mit Christel Koerdt und Elly Valk-Verheijen hat plan d zwei Künstlerinnen eingeladen, denen gemeinsam ist, dass sie sich für die Präsentation ihrer Arbeiten stets intensiv mit den vorgefundenen Räumlichkeiten auseinandersetzen. So hat Valk-Verheijen hier u. a. eine ortsgebundene Malerei und Christel eine den Raum- und Flächenverhältnissen angepasste Installation geschaffen. Gemeinsam ist ihnen zudem das Interesse an den Phänomenen der Wahrnehmung, Elly akzentuiert in ihren Arbeiten die Wahrnehmung von Raum und Licht in Farbe und Form, Christel dagegen präsentiert in ihrer visuell poetischen Textkunst  die subtilen Schnittstellen von Bezeichnen und Begreifen, Sprechen und Denken, Wahrnehmen und Vorstellen.

Gemeinsam ist den beiden auch, dass sie sich von Vorgefundenem, ob auf der Straße oder in der Literatur, inspirieren lassen.

So ist ein Ausgangspunkt  für die hier im Galerieraum von Elly Valk-Verheijen gezeigten Arbeiten das Düsseldorfer Kopf-Stein-Pflaster. Mit der Digitalkamera hat sie ausgewählte Abschnitte dieses aus grauen quaderförmigen Granitsteinen bestehenden Straßenbelags fotografiert, um diese Aufnahmen anschließend am Computer künstlerisch zu bearbeiten. Die Farbauflösung bzw. die Farbsättigung der Aufnahmen wurde so extrem gesteigert, dass Pixel in großer Farbvielfalt und in überraschenden Konstellationen hervortraten. Die Korrespondenz der faktisch dokumentarischen Aufnahmen, die sowohl die Zigarettenkippen in den Fugen des Kopfsteinpflasters als auch die Schuhspitzen der Künstlerin zeigen, mit den kompositorisch eingefügten Farbpixeln, verbinden die reale mit der virtuellen Welt zu einem ästhetischen Konglomerat mit konstruktivistischem Formenvokabular.

Dieses durchaus variantenreiche Spiel mit einer aus Farbpixeln erwachsenden konstruktivistischenBildgestaltung findet sich auch in  Wandmalereien wider, die Elly Valk-Verheijen im Kellerraum geschaffen hat. Mit direktem Bezug auf die unebene Beschaffenheit der hier vorgefundenen weißen Wände, die das Kunstlicht der Neonröhen reflektieren, hat sie digitale Aufnahmen von den Raum- und Lichtverhältnissen gemacht, um diese wiederum mittels Computertechnik in ihren Farben und Formen kompositionell auszuloten.

Insgesamt 12 kleine viereckige Ausschnitte mit diesen konstruktivistisch komponierten Farb- und Formkonstellationen hat sie in zwei vertikalen Reihen zu je sechs Arbeiten symmetrisch, links und rechts eines vorstehenden Eckpfeilers (von Elly als Rückgrat bezeichnet), platziert.
Dazu wurden die hier als Trägermaterial fungierende Wandsegmente verputzt, geschliffen und dann auf der sehr glatten Oberfläche die kleinen Gemälde mit den aus der virtuellen Vorstellungswelt herausgefilterten Pixel in fixierten Farbharmonien in die reale Welt des Kellerraum transloziert, wo die Malerei sich wiederum den dortigen Lichtverhältnissen stellen muss.

Diese, methodisch in mehreren Schritten vollzogenen kleinen Malereien erscheinen als ein Konzentrat, sie amalgamieren mittels technischer Möglichkeiten die von Elly Valk-Verheijen akzentuierten Aspekte der Raum- und Farbwahrnehmung, die durch Licht, Lichteinfall und Reflektionen des Lichts auf die unebenen weißen Wandoberflächen beeinflusst werden. In diesen kleinen Gemälden findet Elly Valk-Verheijen für ihr künstlerisches Wollen eine adäquate visuelle und ästhetische Verdichtung, die sich sprachlich kaum in gleicher Form so reduziert wiedergeben ließe.

Marina Schuster - reduced to the max - Produzentengalerie plan d., Düsseldorf, 2009